Hat das Aspero in einem sich ständig wandelnden Markt, der immer extremere und schnellere Maschinen hervorbringt, noch seinen Platz? Und wie schlägt es sich im Vergleich zu den besten Gravel-Race-Velos?
Das Testvelo bringt 8,8 kg auf die Waage, wobei der Rahmen laut Hersteller 1.100 Gramm (Grösse 56) wiegt. Das ist für ein Offroad-Modell absolut leicht genug.
Optisch erinnert es stark an andere Modelle aus dem Cervelo-Sortiment: Aero-Rohrprofile und schön abgerundete Kanten verleihen ihm einen eleganten, dezenten Look.
Der Gabel-Offset lässt sich bei den Grössen ab 54 zwischen 46 mm und 51 mm verstellen; bei der Grösse 51 zwischen 49 und 54 mm und bei der Grösse 48 zwischen 52 und 57 mm. Dies verhindert eine Zehenüberlappung mit dem Vorderrad und sorgt für ein konsistentes Handling über alle Rahmengrössen hinweg.
Das Unterrohr ist massiv, aber nicht übertrieben voluminös. Es verfügt über einen praktischen Gummischutz knapp über dem Tretlager, der vor Steinschlägen vom Vorderrad schützt. Im Gegensatz zum Original sind keine BBright-Pressfit-Lager mehr verbaut. Stattdessen setzt man auf den zuverlässigeren und wartungsfreundlicheren T47-Standard. Es ist wie beim Original asymmetrisch, um eine bessere Ausrichtung der Kurbelgarnitur und steifere Kettenstreben zu ermöglichen.
Auch die Kettenstreben sind mit sauberen Gummiprotektoren versehen und gehen fliessend in die Sitzstreben über. Das Velo ist mit einem UDH-Schaltauge ausgestattet. Das ist nicht nur steifer und bei einem Defekt viel einfacher zu ersetzen, sondern eröffnet auch die Möglichkeit, ein Mountainbike-Schaltwerk zu montieren, falls eine deutlich grössere Übersetzungsbandbreite gewünscht ist.
Die tief angesetzten Sitzstreben sorgen für etwas Flex und Komfort am Heck, da ein grösserer Teil des oberen Sitzrohrs freiliegt. Dieses folgt – typisch für Cervelo Aero-Velos – der Rundung des Hinterrads. Es umschliesst die Reifenbreite, lässt aber dennoch ausreichend Freiraum.
Das Velo wird mit einem Standardlenker und -vorbau geliefert. Die Kabel verlaufen unterhalb des Lenkers, werden unter dem Vorbau eingeklippt und führen am Steuersatz in den Rahmen. Das ist eine saubere Lösung und macht den Wechsel der Vorbaulänge zur Anpassung der Sitzposition wesentlich einfacher als bei einem voll integrierten System.
Der Lenker ist der hervorragende Carbon-Lenker AB09. Er punktet mit einem bequemen, flachen Oberlenker und einem 16-Grad-Flare (Ausstellung). Manchen Fahrern dürfte die serienmässige Breite von 40 cm (gemessen an den Bremsgriffen) jedoch etwas zu breit sein.
Die Laufräder stammen von Reserve, genauer gesagt handelt es sich um das Modell 30GR AL. Mit 30 mm tiefen Felgen und einer Innenbreite von 27 mm gelten sie als unkomplizierter, absolut robuster Laufradsatz. Das Gewicht von 1.645 g ist in Ordnung, wenn auch nicht überragend. Dafür bieten sie die lebenslange Garantie von Reserve, was zusätzliche Sicherheit gibt.
Die Reifenbreite hat sich im Vergleich zu früheren Versionen vergrössert: Vorne und hinten sind 45 mm breite WTB Vulpine TCS montiert. Eine besondere Erwähnung verdienen auch die Tubeless-Ventile. Normalerweise gehören Ventile nicht zu den spannendsten Komponenten, doch die hier verbauten Fillmore-Versionen lassen beim Aufpumpen ein viel grösseres Luftvolumen durch. Das macht selbst knifflige Tubeless-Setups zum Kinderspiel – ein Design, das sich im Mountainbike-Bereich bereits vielfach bewährt hat.
Passend zu den sportlichen Ambitionen orientiert sich die Geometrie des Aspero stark an einem Rennvelo. Die Werte ähneln dem Endurance-Modell Caledonia der Marke, allerdings ist das Oberrohr länger. Es ist so konzipiert, dass es mit einem kürzeren Vorbau kombiniert wird – ein Setup, das aus dem Mountainbike-Bereich übernommen wurde. Das gibt dir mehr Bewegungsfreiheit, um dein Gewicht im oder aus dem Sattel optimal zu verlagern.
Bei der getesteten 56-cm-Version beträgt der Stack 580 mm und der Reach 397 mm. Das ist 7 mm tiefer, aber 13 mm länger als beim Pinarello Dogma GR (in Grösse 54,5) und 2 mm tiefer sowie 9 mm kürzer als beim entsprechenden Dark Matter von Argon 18.
Der Sitzwinkel von 73 Grad und der relativ steile Lenkwinkel von 72 Grad erinnern ebenfalls an ein All-Road- oder Endurance-Rennvelo. Auch der Radstand ist mit 1.027 mm etwas kürzer, als man es von gemütlicheren Gravelbikes erwarten würde. Alles in allem wird deutlich: Dieses Gravelbike wurde entwickelt, um sich für erfahrene Rennvelo-Fahrer schnell und vertraut anzufühlen.
Die erste Version wurde oft als ein R3 fürs Gelände beschrieben, und man fühlt sich auf dem Aspero sofort wohl. Ein kleiner Kritikpunkt für Fahrer, die eine sehr sportliche Position bevorzugen: Die hohe 30-mm-Steuersatzkappe limitiert, wie tief man den Lenker setzen kann. Wer eine extrem aerodynamische Rennhaltung benötigt, sollte dies im Hinterkopf behalten.
Präzises Handling bedeutet hier nicht, dass das Velo nervös wirkt. Es reagiert vielmehr hervorragend auf schnelle Lenkimpulse und Richtungswechsel. Das rennveloähnliche Fahrverhalten ist besonders in Gruppenfahrten ein echter Vorteil: Schnelle Linienwechsel, um Steinen und Schlaglöchern auszuweichen, gelingen besser als mit einem Velo, das einen flacheren Lenkwinkel und ein trägeres Handling aufweist.
Was besonders überrascht, ist der hohe Komfort angesichts der klaren Rennausrichtung. Es bietet zwar nicht das extrem gedämpfte Fahrgefühl eines hochwertigen Titan- oder Stahlrahmens, aber es ist bei Weitem nicht so hart oder ruppig, wie man vielleicht erwarten würde. Das liegt zum Teil am Wechsel von 40-mm- auf 45-mm-Reifen, am Carbon-Lenker, der Vibrationen an den Händen dämpft, sowie am überarbeiteten Carbon-Layup. All das sorgt in der Kombination für ein sehr ruhiges und geschmeidiges Fahrverhalten.
Der Wechsel auf einen Carbon-Laufradsatz macht beim Aspero jedoch einen grossen Unterschied. Die 30 GR AL sind zwar ein guter, solider Laufradsatz – und wer dazu neigt, Laufräder regelmässig an ihre Grenzen zu bringen, wird sich über die lebenslange Garantie freuen. Sie bringen jedoch etwas mehr Gewicht auf die Waage und schöpfen das wahre Potenzial des Velos nicht voll aus. Wenn das Budget es zulässt, empfiehlt sich das nächsthöhere Modell für ca. 5'700 CHF, um das volle High-Speed-Erlebnis auszukosten.
Was die Konkurrenz betrifft, besetzt es eine Marktnische mit wenigen echten Rivalen, da sich die meisten Aero-Race-Velos im oberen Preissegment befinden. Dennoch gibt es ein paar bemerkenswerte Alternativen in dieser Preisklasse. Da wäre zunächst das 3T Primo 2 WPNT, das über ähnliche Aero-Features verfügt und mit SRAM Rival-Ausstattung und Alu-Laufrädern bei etwa 4'750 CHF liegt. Obwohl es etwas günstiger ist, übertrumpft es das Cervelo leicht, da es bereits mit der neuesten SRAM XPLR 13-Gang-Schaltung ausgestattet ist. Diese bietet eine grössere Übersetzungsbandbreite und das moderne T-Type-Schaltwerk-Befestigungssystem – ein klarer Vorteil gegenüber der Standard-12-Gang-Version.
Ein weiteres Gravelbike mit aerodynamischen Merkmalen ist das Wilier Rave, das in einer GRX 1X-Version für rund 4'300 CHF angeboten wird. Es ist zwar deutlich günstiger und dank einer Reifenfreiheit von bis zu 52 mm im Gelände potenziell leistungsfähiger. Allerdings musst du auf die elektronische Schaltung der SRAM Rival-Gruppe verzichten und erhältst einen etwas einfacheren Alu-Laufradsatz.
Autor
Neal Hunt:
Neal hat sein gesamtes Berufsleben in der Velobranche verbracht, angefangen als Aushilfskraft in seinem örtlichen Fahrradgeschäft bis hin zu verschiedenen Positionen bei globalen Marken. In dieser Zeit hat er sich ein fundiertes Wissen und eine grosse Leidenschaft für alles Technische angeeignet. Er lebt in Sheffield, Großbritannien, und ist, wann immer er kann, mit den unterschiedlichsten Velos auf den fantastischen Strassen und Trails der Region unterwegs.


