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Canyon Endurace:ONfly CF 8 im Test: Ein E-Bike, das sich endlich wie Rückenwind anfühlt

Das Versprechen von E-Bikes war eine leichtere Fahrt, aber aufgrund strenger Grenzen beim Eingreifen des Motors hatten sie es in der Rennvelo-Kategorie schwer, an Relevanz zu gewinnen – dieses neue Endurace mit TQ-Antrieb ändert das.

Veröffentlicht vor etwa 17 Stunden
Canyon Endurace:ONfly CF 8 im Test: Ein E-Bike, das sich endlich wie Rückenwind anfühlt

Canyon Endurace:ONfly CF 8 im Test: Ein E-Bike, das sich endlich wie Rückenwind anfühlt

Während E-Bikes im Mountainbike-Bereich die Meinungen spalten, reicht oft ein einziger Ausflug in ein Trailcenter, um nie wieder zum mühsamen Treten und Schieben zurückkehren zu wollen. Bei Rennvelos gab es jedoch bisher kein E-Bike-System, das nicht einfach nur ein schweres Velo zur Folge hatte, sobald der E-Bike-Modus nicht mehr unterstützte. Dies bremste die Akzeptanz bei „echten Rennvelo-Fahrern”.
Das Problem liegt hier in der Hardware: Wenn das Limit erreicht ist, schaltet der Motor ab und arbeitet im Grunde genommen gegen dich. Du spürst sowohl das zusätzliche Gewicht als auch den Widerstand des Systems selbst, was den eigentlichen Zweck etwas zunichte macht.
 
(Bildnachweis: Future / Andy Carr)

Erstaunlicherweise verspricht das hier verbaute, schwächere System von TQ in einem Velo, das ansonsten wie ein Standard-Canyon Endurace aussieht, genau dann Schub zu liefern, wenn du ihn brauchst, und weniger Widerstand, wenn nicht. Das Marketingmaterial spricht eher von einem „Rückenwind”-System als von einem Motor, der die volle Kontrolle übernimmt. Genau das hatten E-Bikes den Rennvelo-Fahrern vor Jahren versprochen, konnten es aber nie wirklich einlösen. Wenn das Canyon Endurace mit dem TQ-System diese Fehler ausmerzt, könnte das E-Rennvelo endlich erwachsen geworden sein.
 
Design
Das Endurace von Canyon ist so etwas wie der Favorit der Massen in der Welt der Rennvelos. Es bietet einen fairen Preis, ein gutes Handling und ist mit einem Stack und Reach konstruiert, der für die meisten Fahrer sinnvoll ist. Ausserdem ist es wirklich komfortabel. Eine E-Bike-Version, die diese Eigenschaften übernimmt, 200 Watt Leistung hinzufügt, aber nicht wie ein E-Bike aussieht oder dich in irgendeiner Weise behindert, ist daher ziemlich überzeugend.
Die getestete Version kostet umgerechnet rund 7'300 CHF und ist mit der exzellenten Shimano Ultegra Di2 Schaltgruppe ausgestattet. Sie entspricht weitgehend den Erwartungen an die Spezifikationen, abgesehen von ein paar Ergänzungen – die auffälligste ist die Praxis-Kurbelgarnitur. Praxis baut sehr solide Kurbelgarnituren. Obwohl dies von Canyon wahrscheinlich aus wirtschaftlichen Gründen so gewählt wurde, sieht es schick aus und beeinträchtigt keineswegs das reibungslose und zuverlässige Schalten, das du von Shimano auf diesem hohen Niveau erwarten darfst.
 
(Bildnachweis: Future / Andy Carr)

Spezifikationen
Dennoch ist dies für ein mit Ultegra ausgestattetes Velo nicht günstig. Doch wenn du den Motor und die restliche Ausstattung zusammenrechnest, ergibt sich ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Die gesamte Ausstattung ist ziemlich beeindruckend, da du richtige Aero-Laufräder wie die DT Swiss ERC 1400 mit 45 mm Felgenhöhe bekommst. Diese sind bestückt mit den hervorragenden Schwalbe Pro One TLE in 32 mm. Es gibt sogar Platz für 35 mm, falls du noch breiter fahren möchtest.

 
(Bildnachweis: Future / Andy Carr)

Das Velo wird mit Canyons eigener integrierter Lenker-Vorbau-Kombination und einer Canyon S15 VCLS 2.0 CF Sattelstütze mit 27,2 mm Durchmesser geliefert. Diese flext bis zu 20 mm, was für zusätzlichen vertikalen Komfort sorgt. Zudem gibt es ein integriertes Front- und Rücklichtsystem. Das Rücklicht ist sauber in die Sitzstreben integriert. Das Frontlicht hat ordentlich Power, ist dabei sehr unauffällig und direkt unterhalb des eleganten und sportlich aussehenden Carbon-Lenkers montiert. Es ist sogar so stark, dass es das kleinste Velo-Licht auf dem Markt ist, welches der deutschen StVZO-Norm entspricht.
Alle Kabel sind ordentlich verstaut, wie es in dieser Preisklasse mittlerweile Standard ist – auch wenn Velo-Mechaniker weltweit oft darüber klagen. Alles in allem ist es wirklich schwer zu erkennen, dass es sich hierbei überhaupt um ein E-Bike handelt.

(Bildnachweis: Future / Andy Carr)

Der Akku bietet 292 Wh und lässt sich für längere Ausfahrten erweitern. Das sollte für etwa 2000 Höhenmeter und rund 60 km ausreichen. Mit sorgfältiger Planung reicht das für einen langen Tag auf dem Velo oder ein paar legendäre Pässe, bevor dir der Saft ausgeht und du auf dich allein gestellt bist.
Das Gesamtgewicht ist vielleicht die beeindruckendste Zahl auf dem Datenblatt: Das getestete Velo wiegt unter 11 Kilo. Das Topmodell bleibt sogar locker unter 10 Kilo.
Das klassische Endurace gibt es in vielen verschiedenen Grössen, darunter auch 2XS und 3XS mit 650b-Laufrädern für kleinere Personen. Canyon bekommt dafür vielleicht zu wenig Anerkennung, denn das ist eine bemerkenswerte Ausnahme auf dem Markt. Die Marke richtet sich traditionell auch an grössere Personen. Viele Modelle sind in 62 cm oder vergleichbaren Grössen erhältlich, was Canyon für viele zur einzigen Option aus dem Karton macht, bevor man eine Massanfertigung in Betracht ziehen muss. In der elektrifizierten Version bietet Canyon das Endurace:ONfly immerhin in sieben Grössen von 2XS bis 2XL an, was immer noch besser ist als bei vielen anderen Herstellern. Und es ist beeindruckend, wenn man bedenkt, in welcher Nische sich dieses Velo befindet.

Leistung
In der Velo-Entwicklung gilt oft der Grundsatz: „Langsam ist schnell“. Für Hobbyfahrer, die keine Podestplätze bei lokalen Kriterien anstreben, ist eine etwas entspanntere Rennvelo-Geometrie auf Dauer meist am schnellsten und macht am meisten Spass.
Das Endurace:ONfly CF 8 hat einen relativ kurzen, aber nicht extremen Radstand von 1016 mm, einen Lenkwinkel von 72 Grad und einen Nachlauf von 67 mm. Dies führt zu einem sehr stabilen Handling. Obwohl es anfangs eine leichte Verzögerung beim Einlenken geben kann, gewöhnst du dich nach wenigen Fahrten schnell an das souveräne Fahrgefühl. Das Velo lässt sich mühelos steuern und fühlt sich sehr flink an – natürlich unterstützt durch den Rückenwind des TQ-Systems.

(Bildnachweis: Future / Andy Carr)

 Die Sattelstütze dämpft die schlimmsten Stösse ab. Obwohl der Rahmen durch zusätzliche Carbonschichten verstärkt wurde, um Platz für die Akku-Klappe und andere E-Bike-Bauteile zu schaffen, ist er während der Fahrt äusserst komfortabel. Das Tretlager fühlt sich zusammen mit dem faustgrossen Motor extrem solide an. Trotz der etwas ruhigeren Lenkgeometrie ist die Linienführung präzise und angenehm, anstatt schwammig zu wirken.

(Bildnachweis: Future / Andy Carr)

Kommen wir zum Motor. Hier liegt die eigentliche Stärke dieses Velos: Er ist genial. Irgendwie macht er keine typischen E-Bike-Geräusche und übergibt die Leistung so geschmeidig an deinen eigenen Tritt, dass du kaum merkst, ob die Unterstützung ein- oder ausgeschaltet ist.
Das ist besonders wichtig, wenn du dich mit deinen Freunden am Berg misst und sie mit deiner unheimlichen "Profi-Leistung" abhängst, ihr dann aber in die Ebene übergeht. Bei einem schwereren System oder einem mit mehr Tretwiderstand hättest du in der Ebene das Nachsehen, sobald die Schwerkraft keine Rolle mehr spielt und das Drücken auf der Geraden beginnt. Deine Kletterleistung wäre umsonst gewesen, und du würdest dir wünschen, das Zusatzgewicht einfach abwerfen zu können.
Genau hier mussten E-Bikes ankommen, und mit dem Endurace:ONfly ist das zweifellos gelungen. Falls du jemals ein E-Rennvelo ausprobiert und es gehasst hast, solltest du diesem Modell unbedingt eine Chance geben. Wenn man das Macho-Gehabe aus dem Velosport herausnimmt, ist die Vorstellung von ewigem Rückenwind einfach wunderbar – und in der Praxis ist es genau das.
Wer behauptet, es sei Schummeln, verfehlt den Kern der Sache. Es ist eine Technologie, die Möglichkeiten eröffnet, kein Betrug. 
 
(Bildnachweis: Future / Andy Carr)

Du kannst, wie das Marketing verspricht, „weiter und schneller“ fahren. Und wenn du ohnehin gegen niemanden ein Rennen fährst, wo liegt dann das Problem? Schliesslich geben Leute Tausende von Franken aus, um ein paar Watt zu sparen. Hier kaufst du dir direkt 200 Watt auf einen Schlag. Und du musst nicht in die Nähe eines Windkanals gehen, um die Vorteile zu spüren.
Mit diesem Velo zu fahren, macht enormen Spass. Es ist extrem angenehm, weil du ohne grossen Aufwand viele Kilometer mit relativer Leichtigkeit abspulen kannst. Zudem ist es toll, auf etwas Neuem unterwegs zu sein, das die Möglichkeiten im Velosport wirklich voranbringt.

Preis-Leistung
Kommen wir zu den Kosten. Rund 7'300 CHF sind eine Menge Geld für ein Velo. Daran gibt es nichts zu rütteln. Velopreise lassen einen manchmal schlucken, besonders wenn es darum geht, den Gegenwert zu rechtfertigen.
Lässt man diese Preisdiskussion jedoch beiseite, bietet das Velo ein hervorragendes Preis-Leistungs-Verhältnis. Schliesslich zahlt man bei fast allen grossen Marken für ein Velo mit ähnlich hochwertiger Ausstattung – aber ohne Motor und Akku – in etwa denselben Betrag. Ist es dann nicht verrückt, wenn du für das gleiche Geld ein Modell mit zusätzlichem Schub bekommen kannst?
Genau diese Diskussion schadet E-Bikes manchmal noch mehr als billige Importe oder Verwechslungen mit leistungsstarken Lieferfahrzeugen. Wenn eingefleischte Rennvelo-Fahrer es übers Herz bringen, auf etwas Quälerei zu verzichten und dafür eine entspanntere Fahrt zu geniessen, würde dieses Velo – mit dem unglaublichen TQ-System an Bord – extrem viel Sinn ergeben. Gerade für unzählige Rennvelo-Fans, die am Wochenende einfach gerne ihre Runden drehen. Wahrscheinlich sogar mehr als ein ähnlich teures, klassisches Rennvelo – und komfortabler ist es obendrein.

Specs
  • UVP: ca. 7'300 CHF (wie getestet)
  • Rahmen: Canyon Endurace:Onfly
  • Grösse: M
  • Gewicht: 10.97kg
  • Gruppenschaltung: Shimano Ultegra Di2
  • Kurbelgarnitur: Praxis
  • Laufräder: DT Swiss ERC1400
  • Bereifung: Schwalbe Pro One TLE
  • Bremsen: Shimano Ultegra Hydraulisch
  • Lenker/Vorbau: Canyon
  • Sattelstütze: Canyon mit 20mm Flex
  • Sattel: Fizik Arione

Logbuch (beim Test)
  • Temperatur: 10-36 Grad C
  • Wetter: Schönes Wetter
  • Strassenbelag: UK A- und B-Strassen
  • Strecke: Asphalt, sanfte Hügel, lange flache Abschnitte
  • Fahrten: 8+
  • Kilometerstand: 350km

Autor
Andy Carr:
Andy Carr ist Technikredakteur bei Cycling Weekly. Er war Gründer von Spoon Customs, wo er und sein Team zehn Jahre lang einige der begehrtesten Custom-Bikes der Welt entworfen und gebaut haben. Das Unternehmen schuf auch Gun Control Custom Paint. Zusammen setzten sich die Marken für höchste Standards in Sachen Passform, Fertigung und Verarbeitung ein.
Heute lebt Andy in Norfolk, wo er fast alles liebt, was zwei Räder hat. Er war eine Zeit lang als Bergführer tätig und kehrt so oft wie möglich in die Südalpen zurück.

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